Mittwoch, 25. August 2010
Rütteln am Nationaldenkmal

Nichts gegen die schriftstellerischen Qualitäten eines Günter Grass, seinen Stil, seinen Witz, seine schöpferische Sprachgewalt. Aber Vorsicht, wenn er sich als Gewissen der Nation betrachtet, als Aufrüttler, als Wegweiser. Jüngstes Beispiel im Deutschlandfunk: Günter Grass im Gespräch mit Denis Scheck über „Grimms Wörter“ (das neueste Grass-Buch) in der Sendung Büchermarkt vom 20. August 2010.* Wir zitieren in Auszügen:

Denis Scheck:

„Der für mich mit eindrucksvollste Satz in GRIMMS WÖRTER lautet, ein Zitat von Ihnen selber: ‚Freiheit ist eine Hure, die jeder ficken darf, der zahlen kann.’ Wie meinen Sie das?"

Günter Grass:
„Ja, wir treiben Schindluder mit dem Wort Freiheit. Wenn wir uns das Grundgesetz angucken - und vor dem Gesetz ist jeder gleich - stimmt das nicht. Wer die Mittel hat, den Anwalt über mehrere Instanzen zu füttern und zu zahlen, ist in einer besseren Situation und kann das durchstehen, andere verhaken das gar nicht, weil ihnen die Puste ausgehen wird. Da ist die Freiheit schon mehr als relativiert und dafür gibt’s dann haufenweise Beispiele."

Die Freiheit eine Hure? Was für ein Macho-Bild! Irgendwas stimmt nicht an dem Vergleich. Vielleicht liegt’s daran, dass Grass selbst von Freiheit spricht, aber Gleichheit meint. Zurück zum Interview: Denis Scheck ist auf das Reizthema Katholische Kirche – Kindesmissbrauch fixiert und behauptet Dinge, die so nicht stattgefunden haben – aber Grass lässt sich einbinden.

Denis Scheck:
„Katholizismus. Sie schreiben (in „Grimms Wörter“) über einen katholischen Vikar der seine Nöte mit dem Zölibat hat und - das passt natürlich zur aktuellen Diskussion um Kindmissbrauch - sowohl Jungen und Mädchen befingert, befummelt. Wie haben Sie die katholische Kirche erlebt?"

Günter Grass:
„Na ja, zu erst einmal, solange der Glaube hielt, mit einer ungeheuren Angst vor Fegefeuer und Hölle. Der Beichtspiegel: Bist du unkeusch gewesen in Gedanken Worten und Werken – darüber musste ein Zehnjähriger nachdenken. Das sind Dinge die mich solange bedrückt haben, solange das Glaubensgerüst hielt. Aber mit 14 Jahren bröckelte das schon bei mir. Und vor allen Dingen, ich bin auch aushilfsweise als Messdiener tätig gewesen und wer die Gelegenheit hat, nicht nur vor dem Altar zu dienen, sondern auch hinter den Altar zu gucken und was so in der Sakristei läuft, das ist schon der 1. Schritt zum Ausscheiden aus dem Glaubensgefängnis."

Was zum Teufel hat der Aushilfsmessdiener Günter Grass denn nun wirklich in der Sakristei erlebt? Bei so viel dröhnender Banalität wünscht man ihm einen intellektuellen Kontakt mit der Kirche wie ihn Thomas Bernhard hatte (der sicher auch kein Kirchenfreund war). Vielleicht sollte sich Grass heute bessere Argumente bei Christoph Türcke** holen. Denis Scheck indessen ist noch immer auf den angeblichen Kindesmissbrauch in „Grimms Wörter" fixiert:

Denis Scheck:
„Wie erklären Sie sich, dass trotz so vieler hellwacher Intellektueller man über so viele Jahrzehnte in Deutschland die Augen verschlossen hat vor dem Kindesmissbruch, vor dem sexuellen Missbrauch in der Kirche?"

Günter Grass:
„Na ja das hängt damit zusammen, dass diejenigen, die davon betroffen sind - also was ich dort schildere ist eine harmlose Sache - das war an sich ein ganz netter Kerl dieser Vikar, aber der konnte die Hände nicht bei sich lassen. Weiter ging es auch nicht, immer dieses dauernde Streicheln und mal bei den Mädchen und bei den Jungs auch mal so hinter dem Hemdkragen; wir haben das eher als lästig und komisch empfunden, ich würd’ das nicht dramatisieren. Aber es ist bei den Kindern dann auch so gewesen, ich hab’s auch nicht meinen Eltern erzählt, es wurde nicht weitergetragen, das ist die 1. Stufe. Und dann natürlich dieses hierarchische Gebäude innerhalb der katholischen Kirche. Das wenn so was geschieht, wird das alles weggedrückt, Versetzung... Wie lange hat die katholische Kirche gebraucht um grauenhafte Irrtümer wie die Kreuzzüge, wie die Inquisition, zuzugeben, dass das ein Irrweg gewesen ist. Wie lange sind Bücher auf dem Index geblieben. Die kath. Kirche hat auf fatale Art und Weise zu ihrer eigenen Schädigung diesen langen Atem."

Na endlich beschreibt Günter Grass, was wir unter dem angeblichen Kindesmissbrauch in GRIMMS WÖRTER verstehen dürfen. Da wurde wohl auch von Denis Scheck (ganz wie im „Beichtspiegel" der 50er Jahre) zu „unkeusch" gedacht. Es geht hier nicht um sexuellen Kindesmissbrauch, es geht darum, dass alles zu unterbleiben hat, was die Würde verletzt oder von Kindern als lästig empfunden wird. Kinder sollten frühzeitig erzogen werden, ihre Meinung zu äußern, und die muss respektiert werden. Für Einsichten ist es selten zu spät. Dazu wünschen wir auch Herrn Grass einen langen Atem. Schließlich brauchte er bis 2006 um seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS von 1944 einzuräumen und blinde Flecken sind da immer noch vorhanden. Verdrängung? Verschweigen?

Denis Scheck:

„Was mich an diesem Kindesmissbrauchfall so interessiert ist: das ist ein typisches Beispiel für einen blinden Fleck in der allgemeinen gesellschaftlichen Wahrnehmung ist: da sind wir so aufgeklärt in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland, haben eine freie Presse, haben intellektuelle Sonderzahl, die buchstäblich auf der Suche nach Stoff ist, nach ihrem J’accuse-Fall und dennoch kann es Jahrzehnte laufen, ohne dass irgendetwas an die Oberfläche tritt."

Die Antwort von Günter Grass ist akustisch sehr undeutlich. Es entsteht der Eindruck, dass er nicht so recht weiß, was er antworten soll. Es scheint, als habe er irgendwie den Faden verloren.

Günter Grass:
„Na ja, das ist natürlich auch der Nimbus... den... ich überlege ... also... in meinen Buch zu beschreiben das also mit den Anfängen der Wahlkämpfe 61 dann 65 – in der Zeit gab’s noch Hirtenbriefe zum Wahlkampf; das ist heute auch vorbei."

Eindeutige Parteiempfehlungen der Kirche gibt es heute nicht mehr. Aber auch die „Theologie der Befreiung" ist verschwunden. Ein Vorteil?, ein Nachteil? In jedem Verbot, in jeder unklaren Stellungnahme steckt auch die Angst vor der Reaktion des Kirchenvolks. Das wäre eine Diskussion wert: Wie politisch darf/soll Kirche sein?

Denis Scheck:
„Sind wir heute weiter?"

Günter Grass:
„Partiell, partiell weiter, und im sozialen Bereich gibt’s diesen Abbruch und Rückfall und einen Verschleiß der Substanz des Grundgesetzes, der Verfassung." Grass versucht im Interview jetzt wieder den Anschluss an sein Buch GRIMMS WÖRTER herzustellen und erinnert an das Wort EID. „...also mit dem Eid, Kehrseite, dieses an den Eid gebunden sein, führt natürlich – das hat meine Generation mit erfahren – zu diesem blinden Gehorsam."

Denis Scheck:
„Sie haben einen Eid auf Führer und Vaterland geschworen..."

Günter Grass:
Ja, ja, ja und Reichsführer der SS ... ohne zu begreifen, welche Folgen so etwas hat. Befreit hat mich davon die Kapitulation. Ich stelle das auch in Frage im Buch, inwieweit ein Eid auch etwas ist, was zur Fessel wird und was dazu beiträgt, dass man blind wird gegenüber herrschender Ungerechtigkeit. Also ich würde... heute hät ich nicht nur Hemmungen... ich würde..... Auf die Verfassung der Bundesrepublik einen Eid zu leisten, würd ich verweigern.

Denis Scheck:
„Warum?"

Günter Grass:
„Weil die Verfassung, das was sie soziale Verpflichtung nennt, nicht einhält, weil wir vor dem Gesetz nicht gleich sind und was mich dazu gebracht, auch im Konflikt mit der Sozialdemokratie, dass wir ein Kronjuwel unserer Verfassung den Schutz von Asylsuchenden rausgekippt haben aus der Verfassung und etwas was noch in den Anfängen in der Presse gelegentlich Empörung hervorgerufen hat – Abschiebung, Abschiebehaft – ist alltäglich geworden. Da werden Familien auseinandergerissen. ... in Absprache mit der katholischen Kirche. Wo finden Sie heute noch in den Zeitungen Berichte über die alltäglich stattfindende Abschiebung? Das sind auch so Verschwiegenheiten, die sich dann einschleichen. Das zählt als Nachricht nicht mehr, hat sich sozusagen verbraucht und dann beginnt das Schweigen."

Denis Scheck:
„Und die Aufgabe des Intellektuellen?"

Günter Grass:
„Die Wunde offenzuhalten."

Ist unser Grundgesetz nun schlecht verfasst oder wird es nicht immer befolgt? Darf man auf eine Verfassung schwören, deren Richtlinien missachtet werden? In diesem Punkt scheint Grass ähnlich radikal zu sein wie die Bibel:

Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was Du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht,... Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen. (Mt. 5, 34 – 37)

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* Das vollständige Interview kann nachgehört werden unter www.dradio.de
** Christoph Türcke, Jesu Traum. Psychoanalyse des Neuen Testaments, 14,80 €




Montag, 16. August 2010
Den Kopf hinhalten...

... das ist so eine Sache. Gezwungenermaßen Ja, wenn es keinen
Fluchtweg gibt. Aber freiwillig? Ohne Grund? Sozusagen schuldlos? Und außerdem: Kopf hinhalten für wen? Und warum? Unschuldige schützen?
Schuldige decken? Aus Trotz, aus Verantwortung? Das Ende, Verzweiflung, Resignation, Ausweglosigkeit, Unsicherheit, Angst in Kauf nehmen. Eine Frage der Ehre?
Da bleibt wenig Heroismus, auch wenn die Nachweilt ein Denkmal baut.



Und unabhängig von Geschichtsschreibung und Mythenbildung die Frage: Ob es auch heute noch Bürger gibt, die für ihre Stadt den Kopf hinhalten würden –
so wie die Bürger von Calais?
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Quelle: Die Bürger von Calais (bei: Auguste Rodin, Chronik, Mythos, Drama)




Donnerstag, 12. August 2010
Ganz schön albern... der Newsletter von Piper im August 2010

Piper ist ein altehrwürdiger Verlag. Und auch wieder nicht. 106 Jahre alt ist er geworden, hat immer wieder ums Überleben gekämpft und sich dann 1995 dem schwedischen Konzern Bonnier angeschlossen, einer Aktiengesellschaft. Wie läuft in einem Konzern eigentlich das Buchgeschäft? – ich weiß es nicht. Aber irgendwie hat man dabei negative Vorstellungen, denkt an Glaspaläste und Rendite und neuerdings – wie bei den Banken – an Scheingeschäfte, Leergeschäfte und an „Blasen“. Alles falsch? Wie werden bei Piper im Bonnier-Konzern, zu dem ein bunter deutscher Verlagsreigen gehört (arsEdition, Carlsen, Malik, Pendo, Piper, Thienemann, Ullstein Buchgruppe), Bücher gemacht? – keine Ahnung. Teilt man sich dort den Markt auf? Oder macht man sich Konkurrenz? Hängt die Veröffentlichung eines Buches von der Qualität oder von der vermuteten Auflage ab? Wie schnell wechseln die Manager? Gibt es längerfristige Strategien oder zählt hauptsächlich der kurzfristige Erfolg. Ein klein wenig verrät uns der Leitspruch des Verlags: Piper, Bücher, über die man spricht. Das kann man so und so verstehen. Aber denken wir positiv!

Wer macht Bücher bei Piper? Wer sind die Lektoren? Es gäbe eine Menge interessanter Fragen, die ein Newsletter beantworten könnte. Leider erfährt man dort nichts. Beginnen wir ganz vorn: Warum setzen die Piper-Leute auf die sterile Vertraulichkeit von Computer-Anreden? Der August-Newsletter beginnt z.B.:

Liebe/r Herr Torsten P...,

Anscheinend kann kein Computer checken, ob ich männlich oder weiblich bin.

endlich sind sie da - die neuen Geschichten des Berliner Strafverteidigers Ferdinand von Schirach, der letztes Jahr mit seinem Debüt »Verbrechen« Publikum und Presse begeistert hat.
Bis dato hielt sich mein Erwarten in Grenzen und wenn ich nicht weiß warum Publikum und Presse begeistert waren..., aber bitte.

»Schuld«, das neue Buch, ist sogar »noch besser als das hochgelobte Erstlingswerk« (FAZ).
Warum besser? Weil es die FAZ behauptet und weil dahinter sicher ein so kluger Kopf steckt, der sich jede Begründung sparen kann?

Auch sonst haben wir genau die richtige Lektüre für Ihren Sommerurlaub: Psychothriller der Extraklasse, literarische Hochkaräter, beste Unterhaltung und wichtige Sachbücher. Klicken Sie sich durchs Programm - es ist auch für Sie etwas dabei. Versprochen!
Die scheinen mich zu kennen. Aber woher? Na ja, ich bin doch Newsletter-Abonnent, also deshalb wohl leicht einzuordnen, leicht zu befriedigen. Lesen wir weiter:

Ferdinand von Schirach, Schuld. Stories, Die neuen Geschichten des Berliner Strafverteidigers. Neue Fälle aus der Praxis des Strafverteidigers von Schirach – die der Autor von Schirach in große Literatur verwandelt hat. Mit bohrender Intensität und in seiner unvergleichlichen lyrisch-knappen Sprache stellt er leise, aber bestimmt die Frage nach Gut und Böse, Schuld und Unschuld und nach der moralischen Verantwortung eines jeden Einzelnen von uns.

Bei solchem Werbetext kommt richtig „Hamlet" auf. Alles ist drin. Solche Strafverteidiger wünschen wir uns; die machen doch glatt Staatsanwalt und Richter überflüssig. Oder ließe es sich auch informativer sagen, um was es in dem Buch eigentlich geht? Weiter zum nächsten Titel:

Valentina Berger, Der Augenschneider. Thriller
Er schneidet ihnen bei lebendigem Leib die Augen heraus: jungen, schönen Frauen. Denn er braucht ihr Augenlicht...

Da wird mir ist ganz schlecht. Dass die Opfer gefoltert und „grausam verstümmelt werden", zudem „attraktiv, schlank und hochgewachsen" sind, will ich doch gar nicht wissen. Hält mich Piper für einen Sadisten? Soll ich weiterlesen?

Sándor Márai, Die Möwe. Roman
Zwei verlorene Seelen und die Macht des Schicksals. Die dramatische Begegnung zwischen einem Ministerialbeamten und einer geheimnisvollen jungen Frau: Warum sucht sie ihn gerade jetzt auf, da er eine schicksalhafte Entscheidung für sein Land getroffen hat? Und weshalb kommt sie ihm so seltsam vertraut vor? Mit diesem Roman gelang dem großen ungarischen Schriftsteller Sándor Márai ein Meisterwerk über Sehnsucht und Vergänglichkeit.

O Gott. Vielleicht sollte ich mir stattdessen eine Rosamunde Pilcher-DVD reinziehen. Schluss jetzt mit diesen unsäglichen Werbesprüchen. Zugegeben, es ist Ferienzeit, Zeit für den leichten Schwachsinn. Hoffentlich wird’s dann im Herbst wieder besser! Und doch, fast hätte ich’s übersehen, angekündigt wird:

Denkanstöße 2011. Ein Lesebuch aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft.
Die schönste Versuchung, seit es Bücher gibt
verheißt der Werbetext. So viel süße Sprachsauce hat dieses Buch ganz sicher nicht verdient.

Alles Bluff?
Wir erhielten den Hinweis, dass Piper mit der Berliner Werbeagentur Lohmüller zusammenarbeitet. Auf deren sehenswerter Homepage schreibt die Chefin:
„Was ist gute Werbung? Ich glaube, das lässt sich nicht beantworten. Was eine Medaille verdient oder nicht, soll jeder selbst beurteilen... Und wenn es uns gelingt, Ihnen Werkzeuge mit an die Hand zu geben, die in der Öffentlichkeit für Verblüffung sorgen, hat sich die Frage nach guter oder schlechter Werbung auch erledigt. Ganz einfach, weil die Kampagne verkauft."

Alles klar.